Babenhauser Praxisklasse: „Erfolgsmodell“ feiert 20. Geburtstag

Die Praxisklasse der Mittelschule Babenhausen ist ein einzigartiges Angebot im Landkreis Unterallgäu. Welche Ideen ihr zugrunde liegen und weshalb sie noch heute Bestand hat.

Von  Fritz Settele

Die Praxisklasse der Mittelschule Babenhausen feiert im Oktober ihr 20-jähriges Bestehen. Sie ist die einzige derartige schulische Einrichtung im Landkreis Unterallgäu, die noch besteht. Heute noch gelten die Sätze des damaligen Schulleiters Erhard Walter aus dem Schulalmanach 1999: „Ziel der Praxisklasse ist es, den Schülern Erfolgserlebnisse durch ihre praktischen Fähigkeiten zu vermitteln, ihnen Möglichkeit der Eingliederung ins Berufsleben zu eröffnen und den Erwerb des erfolgreichen Hauptschulabschlusses zu ermöglichen.“ Hierzu diene ein flexibler Lehrplan, der vor allem das Grundwissen festigen und ergänzen solle. Erhard Walter war es auch, der die Praxisklasse zu seiner „Herzensangelegenheit“ erklärte, als andere Schulen noch gar nicht über deren Einführung nachdachten. Als sich im Frühjahr 1999 abzeichnete, dass die Babenhauser Hauptschule neue Strukturen erhalten soll, unter anderem mit dem M-Zug und der Praxisklasse, stellte Walter sofort den entsprechenden Antrag – und die Genehmigung von höherer Stelle ließ nicht lange auf sich warten. So ging mit dem Schuljahr 1999/2000 das „Babenhauser Modell“ in die Praxis über. Dafür wurden andere Strukturen erforderlich, als an Standorten in größeren Städten, die eine ganz andere Infrastruktur aufweisen. Diese sollten sich bewähren – auch unter den Nachfolgern Josef Pfeifer und Wolfgang Ostermann, die stets von einem „Erfolgsmodell“ sprachen. Besuche, auch von ausländischen Besuchergruppen und Politikern, unterstrichen dies.

Die Schüler bauten Hütten und Möbel

Frauenpower begleitete das Projekt von Anfang an, beginnend mit der ersten Klassenlehrerin Sonja Friedl, die rund zehn Jahre lang in dieser Funktion wirkte, sowie Förderlehrerin Erika Schneider-Bürzle, die dem Praxisklassen-Team noch heute angehört. „Das Leben in die Hand nehmen, positiv in die Zukunft blicken, aktiv werden und Mut aufbauen“, sind einige ihrer Grundprinzipien, die es den Jugendlichen zu vermitteln gelte. Magdalena Deschler ist nun seit vier Jahren als Klassenlehrerin aktiv und koordiniert das Team. „Der Besuch der Praxisklasse ist freiwillig und dient nicht zuletzt dazu, Probleme zu meistern, die die Jugendlichen aus unterschiedlichen Gründen sonst vor sich herschieben würden“, sagt sie. Diese Gründe können im schulischen, vor allem aber auch im privaten Umfeld liegen. „Kein Schüler bleibt bei uns ohne Abschluss“, sagt Deschler weiter. Mit verantwortlich sind dafür auch Sozialpädagogin Sandra Müller, die die Praxisklasse fast von Anfang an begleitet, sowie der Kreisjugendring, das Jugendamt und Arbeitsamt. Lebenswichtig für das Projekt ist laut Deschler aber der Europäische Sozialfond (ESF), der für die finanzielle Basis sorgt. Rektorin Catharina Freudling berichtet: „Wir haben eine 100-prozentige Quote, finden doch alle eine Lehrstelle beziehungsweise gehen auf eine weiterführende Schule.“ Gründe hierfür sind laut Deschler „mehrwöchige Praktika samt wöchentlichem Praxistag und die enge Verzahnung mit der heimischen Wirtschaft“.

Rendle: „Kein Jugendlicher ist talentfrei. Jeder kann etwas gut“

Dazu passt die „Auslagerung“ ins Gewerbegebiet, wo die Praxisklasse bei der Firma Schirling – nicht zuletzt auf Vermittlung des damaligen Bürgermeisters Theo Lehner hin – seit rund zwei Jahrzehnten ihre Heimat findet. Franz Schirling spricht von einem „guten Miteinander zwischen Schule und Betrieb“. Er hat nicht nur Jahr für Jahr Praktikumsplätze parat, sondern stellt auch Praxisklassenschüler als Azubis ein. Das lobt Schreinermeister Hubert Rendle, der als Praxisleiter verantwortlich ist. „Kein Jugendlicher ist talentfrei und jeder kann etwas gut“, lautet dessen Credo. Über die 20 Jahre hinweg wurden zahlreiche Projekte durchgeführt: Unter anderem bauten die Jugendlichen Marktbuden, Möbel für ein Freiluftklassenzimmer, Betten für Übernachtungshäuser, eine Gartenhütte im Kindergarten und Garteneinrichtungen für das Seniorenzentrum. Doch auch für den eigentlichen Schulbetrieb produziert die Klasse, etwa Cajons für den Musikunterricht. „Das alles ist ein kleines Dankeschön für die Unterstützung durch die Kommune, zeigt Außenwirkung und fördert das Selbstwertgefühl der Jugendlichen“, sagt Rendle.

Das Foto zeigt Franz Schierling (Mitte) mit Sohn Jürgen und Azubi Asad, der die Praxisklasse im vergangenen Schuljahr mit einem Einserschnitt abschloss.

Dass eine Praxisklasse auch seinen Preis hat, weiß Bürgermeister Otto Göppel. „Doch das Geld ist bestens investiert und spart letztendlich dem Staat Geld“, der ansonsten später gescheiterte Jugendliche auffangen müsste. „So lange sich die Rahmenbedingungen nicht gravierend verändern, gibt es in Babenhausen weiterhin eine Praxisklasse“, sagt er – auch wenn andere Schulverbände diese längst abgeschafft haben. Er hält es für unbezahlbar, „dass die Jugendlichen eine zweite Chance bekommen, im Berufsleben Fuß zu fassen“. Ein Lob zollt Göppel dem Europäischen Sozialfonds, ohne den der Erhalt der Praxisklasse nicht möglich wäre.

Welchen Stellenwert das Projekt hat, zeigte, dass die damalige Kultusministerin Monika Hohlmeier persönlich zur Einweihung der Räume im Industriegebiet erschien, den Betreffenden gratulierte und versprach, mögliche Fördertöpfe anzuzapfen. Einer ihrer Sätze gilt heute noch: „Die präventive Arbeit kann man nicht hoch genug einschätzen!“

 

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